„An Anna Blume“ von Kurt Schwitters

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An Anna Blume

0, du Geliebte meiner siebenundzwanzig Sinne, ich liebe dir! — Du deiner dich dir, ich dir, du mir. — Wir?
Das gehört (beiläufig) nicht hierher.
Wer bist du, ungezähltes Frauenzimmer? Du bist — bist du? — Die Leute sagen, du wärest — laß sie sagen, sie sie wissen nicht, wie der () Kirchturm steht.
Du trägst den Hut auf deinen Füßen und wanderst auf die Hände, auf den Händen wanderst du.
Hallo deine roten Kleider, in weiße Falten zersägt. Rot liebe ich Anna Blume, rot liebe ich dir! — Du deiner dich dir, ich dir, du mir. — Wir?
Das gehört (beiläufig) in die kalte Glut.
Rote Blume, rote Anna Blume, wie sagen die Leute?
Preisfrage: 1. Anna Blume hat ein Vogel.
                  2. Anna Blume ist rot.
                  3. Welche Farbe hat der Vogel?
Blau ist die Farbe deines gelben Haares.
Rot ist das Girren deines grünen Vogels.
Du schlichtes Mädchen im Alltagskleid, du liebes grünes () Tier, ich liebe dir! Du deiner dich dir, ich dir, du mir. — Wir?
Das gehört (beiläufig) in die Glutenkiste.
Anna Blume! Anna, a —n —n —a ich träufle deinen Namen. Dein Name tropft wie weiches Rindertalg.
Weißt du es Anna, weißt du es schon?
Man kann dich auch von hinten lesen, und du, du Herrlichste von allen, du bist von hinten wie von vorne: „a —n —n —a“.
Rindertalg träufelt streicheln über meinen Rücken.
Anna Blume, du tropfes Tier, ich liebe dir!

Kurt Schwitters

Quelle: Kurt Schwitters: An Anna Blume, in: Der Sturm, Heft 5, August 1919, S. 72

 

Bürgerliches versus Sozialisten

Vieles scheint in dem Gedicht „An Anna Blume“ von Kurt Schwitters nicht zusammen zu passen. Man stolpert schon in der ersten Zeile über die „27 Sinne“, bald darauf fragt man sich: Wieso trägt sie den Hut auf den Füßen, oder noch etwas später überlegt man, wie gelbe Haare gleichzeitig blau sein können.

Um dem Rätselhaften auf die Spur zu kommen, ein paar Hinweise und Gedanken:

  • Die Zahl 27 beinhaltet die Rechnung 9 x 3. Neun ist die Ziffer, die nach Aleister Crowley der höchste Grad im Toth-Tarot ist, den man erreichen kann. Der neunte Grad ist die Liebe. Aleister Crowley war mit seinen düsteren, astrologischen und auch satanistischen Vorstellungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts hoch im Kurs, viele fanden seine Anschauungen attraktiv. Als Leiter von OTO legte er seine Anschauungen dar, ließ die Karten von seiner Ehefrau Rose Edith Kelly malen. Die Tarotkarten sollen nach Aleister Crowley eine Möglichkeit schaffen, einen persönlichen Lebensweg vorhersagen zu können.
  • „Du trägst den Hut auf deinen Füßen“ bedeutet, dass die Gedanken des einzelnen in Besitz genommen werden.
    Nach Ende des Ersten Weltkriegs, während der Weimarer Republik, gab es zuhauf politische Auseinandersetzungen zwischen den Rechten und den Linken, den späteren Nationalsozialisten und Kommunisten (USPD), die häufig in Straßenschlachten und Morden endeten. Die Ausschreitungen der Rechten war dabei deutlich höher als die der Linken. Außerdem wurden die Rechten deutlich weniger hart bestraft als die Sozialisten.
  • Wenn Kurt Schwitters in seinem Gedicht mit den Worten „Du trägst den Hut auf deinen Füßen“ auf die politische Situation anspielt, so zeigt es sich hieran, dass er eine austarierte Wahrnehmung für die Zeichen seiner Zeit hat.
    Verstärkt wird der Gedankengang mit der übernächsten Zeile „Hallo, Deine roten Kleider, in weiße Falten zersägt“. „Weiße Falten“ ist eine Metapher für das Bürgertum, das sich mehr oder weniger dem rechten Pöbel angeschlossen hatte, die sie verteidigten und ihre Taten gutgeheißen haben.
  • „Gelbe Haare“, man könnte auch sagen blonde oder goldene Haare, also jemand, der schon die Weisheit erlangt hat, wird mit der Zugabe „blau“ verstärkt. Blau ist ein Symbol unter anderem für Himmel und ist die „Farbe des Göttlichen, der Wahrheit und im Sinne des Festhaltens an der Wahrheit“. Die beiden Farben – Gelb und Blau – können gegeneinander ausgetauscht werden, da sie inhaltlich dasselbe zum Ausdruck bringen.1a
  • Auch diese Idee wird mit der darauffolgenden Zeile unterstrichen. Der „grüne Vogel“ ist ein Vermittler zwischen Himmel und Erde,1b der das Göttliche, die Wahrheit liebt und anstrebt. Ähnlich wie bei den blauen und gelben Haaren kann auch hier rot und grün gegenseitig ersetzt werden, wobei in diesem Gedicht Rot eine weitere Bedeutung hat. Es ist ein Synonym für die Kommunisten, dass in der nächsten Zeile verdeutlicht wird: „Du schlichtes Mädchen im Alltagskleid“, also eine Arbeiterin, die für ihren Lebensunterhalt hart arbeiten muss.

Der Nachname der Frau, „Blume“, vereinigt alles, was über sie im Gedicht ausgesagt wird. Sie ist Schön und Erhaben, aber auch zerbrechlich. Ihre Blütenblätter können als Sinnbild für das Göttliche gesehen werden.
     „Anna“ ist ein weiblicher Vorname. Darin enthalten sind Vorstellungen wie das Emotionale, des Mitleidens mit all den Schwachen und Unterdrückten. Sie ist aber auch diejenige, die standhaft bleibt, ihr Name kann vorwärts und rückwärts gelesen werden, der immer den selben Namen beibehält. Zugleich ist es wiederum eine Anspielung auf Aleister Crowley, der Texte verfasste, die beim rückwärts lesen einen anderen Sinn ergeben als beim vorwärts lesen. Beim Rückwärtslesen solcher Texte konnte ein geübter Leser und Eingeweihte die verschlüsselten Botschaften entziffern. Meist handelte es sich dabei um dunkle mystische oder auch satanistische Verse.
     Aber der Vorname kann ebenso gut eine Anspielung auf Rosa Luxemburg sein. Rosa Luxemburg setzte sich für die Arbeiter ein, war häufig gut gekleidet und sie wurde am 15. Januar 1919 vom rechten Pöbel gemeinsam mit Karl Liebknecht ermordet.

Das Gedicht wurde erstmals in der Zeitschrift Der Sturm im August 1919 publiziert. Wie so oft zu Beginn des 20. Jahrhunderts fanden es die einen genial, die große Mehrheit war irritiert oder erklärten gar den Dichter für psychisch verwirrt. Nichts desto trotz wurde es an etlichen Litfaßsäulen geklebt, in mehreren Sprachen übersetzt und Kurt Schwitters hat es immer wieder bearbeitet.2

> siehe auch: Grafik (): Anna Blume


Einzelnachweise:

1: Udo Becker: Lexikon der Symbole. Mit über 900 Abbildungen, Herder Verlag – Freiburg – Basel – Wien, 2006 (7)
1a: S. 44
1b: S. 320

2: Vgl. Hrsg.: Ursula Heukenkamp, Peter Geist, Autor: Bernd Scheffer (): Deutschsprachige Lyriker des 20. Jahrhunderts. Kurt Schwitters; Erich Schmidt Verlag; S. 177 (PDF), zuletzt besucht am 29.10.2020