„Das ist der Tag“ von Rainer Maria Rilke

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Das ist der Tag, in dem ich traurig throne,
das ist die Nacht, die mich ins Knieen warf;
da bet ich: dass ich einmal meine Krone
von meinem Haupte heben darf.

Lang muss ich ihrem dumpfen Drucke dienen,
darf ich zum Dank nicht einmal ihren blaun
Türkisen, ihren Rauten und Rubinen
erschauernd in die Augen schaun?

Vielleicht erstarb schon lang der Strahl der Steine,
es stahl sie mir vielleicht mein Gast, der Gram,
vielleicht auch waren in der Krone keine,
die ich bekam?…

– Rainer Maria Rilke –

Ein gekröntes Haupt ist der Dreh- und Angelpunkt des Gedichts „Das ist der Tag“ von Rainer Maria Rilke.

Das Gedicht beginnt mit dem Gegensatz von „Tag“ und „Nacht“, der sich jedoch aufhebt, da das lyrische Ich den Tag als „traurig“ empfindet und die Nacht der Reue und Buße dient, indem es sich niederkniet und betet. Aber was für ein Gebet? Es ist kein „Vater unser“, kein „Ave Maria“ und auch kein Rosenkranz, alles Gebete die man im ausgehenden 19. Jahrhundert erwarten würde. Nein, all das betet der Gekrönte nicht sondern er wünscht sich nichts sehnlicher als nur ein einziges mal die Krone vom Kopf zu nehmen, um diese sich genauer anschauen zu können, um endlich herauszufinden, wie sie ausschaut. Man könnte meinen, dass ein König über genügend Macht verfügt, um sie vom Kopf zu nehmen, stattdessen empfindet er es als eine Last, die ihm nicht gebührend gedankt wird.

Neulich habe ich beruflich eine Entscheidung getroffen, die weitere Entscheidungen nach sich zog, unter anderem Renovierung meiner Wohnung. Ich habe meinen Beruf geliebt, war mit Feuereifer dabei, doch dann kam ich für ein paar Wochen gezwungenermaßen zur Ruhe, konnte mal alles überdenken. Meine Wohnung war mit Materialien für meinen Beruf angefüllt, jede Ecke war davon in Beschlag genommen. Zur Renovierung gehört für mich auch das Ausmisten, mich von Dingen zu trennen, die ich nicht mehr benötige. Zuerst befürchtete ich, dass es mir besonders schwer fallen würde, mich genau von den Dingen, die meinen Beruf betrafen, zu lösen aber das Gegenteil war der Fall, ich fühlte mich danach um zehn Kilo leichter. Warum ich das erzähle? Weil ich einen Zusammenhang zwischen dem Gedicht und meiner Renovierung sehe. Eine Aufgabe haben, kann etwas wunderschönes sein, sie kann aber auch zu einer Last werden und dann ist es wohl Zeit sich von ihr zu verabschieden.

Das gekrönte Haupt beschreibt seine Situation recht ähnlich, er weiß nicht ob die Edelsteine an seiner Krone noch strahlen, kann demnach die Wirkung seiner Tätigkeit nicht mehr einschätzen, schlimmer noch, es geht ihm inzwischen so übel, dass er noch nicht einmal mehr mit Sicherheit sagen kann, ob er die Krone jemals bekommen hat.

Was Rainer Maria Rilke veranlasst hat, das Gedicht „Das ist der Tag“ am 21. November 1897 in Berlin zu verfassen (publiziert wurde es 1899 in „Mir zur Feier“), darüber kann man nur Mutmaßungen anstellen.1
     Eigentlich könnte man mit dem lyrischen Ich Mitleid bekommen, genauso gut kann man das Gedicht als Kritik an Kaiser Wilhelm II. auffassen, der ein paar Jahre zuvor sich noch als „König der Armen“ verstanden hat,2 dessen Lebenslage er verbessern wollte, inzwischen sich aber davon weit entfernt hat, seine Ambitionen mit dem „Platz an der Sonne“ waren fast schon Größenwahn, zumindest legte er sich damit mit den beiden Großmächten, Großbritannien und Frankreich, zwangsläufig an, die sich den Kontinent Afrika längst unter sich weitest gehend aufgeteilt hatten. Vielleicht hätte ihm eine Zwangspause gut getan.

> siehe auch (): Grafik: Magischer Realismus

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Einzelnachweise:

1: Vgl. Rainer Maria Rilke (Archiv, ): Das ist der Tag, zuletzt besucht am 25.10.2020 

2: Vgl. Wikipedia (): Wilhelm II. (Deutsches Reich), zuletzt besucht am 25.10.2020